Stadtgeschichte

Beschäftigt man sich mit der Geschichte der einstigen Festungsstadt Viljandi, so stellt man fest, das die Angaben über den Bau der ersten Holzburg in Viljandi strittig sind. Allgemein geht man von einer Erbauung zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert aus, erste schriftliche Erwähnung fand sie Mitte des 12. Jahrhunderts. Unter der Herrschaft des Deutschen Schwertbrüderordens wurde die Holzburg zu einer der mächtigsten Steinfestungen des Baltikums ausgebaut und war durch seine Lage auf einem Berghügel bei kriegerischen Überfällen gut geschützt. 1283 erhielt die Stadt die ersten Stadtrechte und wurde bereits im Jahr 1346 Mitglied der Hanse. Bis Ende des 15. Jahrhunderts lebte die stark befestigte Stadt Viljandi ohne Anfeindungen und entwickelte sich zu einer blühenden Handelsstadt, die das Interesse von Polen, Schweden und Russland weckte.



1558 entschied Russland im ersten Nordischen Krieg die territorialen Streitigkeiten mit grossen Zerstörungen innerhalb der umkämpften Stadt für sich, musste jedoch 1582 das Gebiet um Viljandi den Polen überlassen. Im zweiten Nordischen Krieg Anfang des 17. Jahrhunderts übernahm Schweden die Macht über Viljandi, die Stadt verlor ihre Stadtrechte und damit die Möglichkeit eigenständigen Handel zu treiben, so dass die schweren Beschädigungen durch vorangegangene Kriege nicht beseitigt werden konnten und die ehemals wirtschaftlich so erfolgreiche Stadt in Trümmern lag. Erst nachdem Schweden im Friedensvertrag von Nystad (1721) die Herrschaft über Estland und Livland an Russland übergab, erblühte die einstige Hansestadt erneut. Sie erhielt 1783 ihre Stadtrechte zurück und wurde im gleichen Jahr durch eine umfassende Reform der Zarin Katharina II. zur Kreisstadt erklärt. Der wirtschaftliche Aufschwung nahm zu und auch die kulturelle Entwicklung schritt stark voran. Der estnische Publizist und Pädagoge Carl Robert Jakobson (1841 – 1882) spielte bei der zunehmenden Nationalbewegung innerhalb der estnischen Bevölkerung eine tragende Rolle. 1868 war er an der Gründung der Estnischen Literaturgesellschaft beteiligt und setzte sich verstärkt für die Verbreitung von estnischsprachiger Literatur ein. Er unterrichtete an mehreren estnischen Schulen, bevor er als Lehrer nach St. Petersburg ging. Sein Antrag, eine estnischsprachige Zeitung zu gründen, wurde sowohl in Russland als auch in Tallinn von den russischen Besatzungsmächten abgelehnt. Erst im Jahr 1878, sieben Jahre nach seiner Rückkehr aus Russland, gelang es ihm mit der estnischsprachigen Zeitung „Sakala“ seinen Wunsch zu realisieren und für die Verbreitung der estnischen Sprache zu sorgen. Sein Engagement für die nationale Befreiung und Selbstständigkeit Estlands hat ihm auch nach seinem Tod im Jahr 1882 ein ehrenvolles Gedenken in der estnischen Bevölkerung eingebracht. Ein 1993 in der Stadt Viljandi errichtetes Denkmal erinnert an seine Verdienste im Kampf für ein freies Estland.
Nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich wurde die erfolgreiche Handelsstadt Viljandi wieder zunehmend interessant, so das in den folgenden Jahren mehrere Fabriken dort ihre Produktionsstätten errichteten, die bis heute für gesicherte Arbeitsplätze sorgen. 1897 wurde die erste Schmalspurbahn eingeweiht, die dem hügeligen Landabschnitt zu einer – wenn auch langsamen – Verkehrsanbindung zu den umliegenden estnischen Handelsstädten verhalf. Im Jahr 1911 erhielt die Stadt Viljandi eines der ersten Wasserwerke in Estland, das die Stadt über Rohrleitungen mit Wasser versorgte. Heute ist der 30 m hohe, ehemalige Wasserturm eine beliebte Sehenswürdigkeit, denn von diesem Aussichtsturm ist der Blick über die Stadt und den Viljandisee einfach traumhaft.
Aufgrund der wunderschönen Berg – und Tallandschaften, der Nähe zum Sooma Nationalpark und der direkte Lage am Viljandisee entwickelte sich die Kreisstadt schon sehr früh zu einem beliebten Urlaubsziel in Estland und gilt bis heute als eine der schönsten Städten in Estland.