Stadtgeschichte

Die Geschichte der Stadt Tartu in Estland ist wie das gesamte Land von ständigen feindlichen Übernahmen und kriegerischen Machtkämpfen geprägt. Laut schriftlicher Überlieferung aus dem Jahr 1030 zerstörte Grossfürst Jaroslaw von Kiew die Holzfestung der finnougrischen Siedlung Tharbata (Tartu) und erbaute eine neue Steinburg, die er – abgeleitet von seinem Taufnamen Juri – Jurjew nannte. Nach der siegreichen Eroberung und Zerstörung der Burg durch den geistlichen Ritterorden „Brüder der Ritterschaft Christi von Livland“ (Schwertbrüderorden) im Jahr 1215 wurde die Stadt in Dorpat umbenannt und eine neue Bischofsburg entstand (Castrum Tarbate). Nur neun Jahre später gelang es dem damaligen Bischof von Riga – Albrecht von Buxthoeven – nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Schwertbrüderorden Estland zu erobern und seinen Bruder Hermann von Buxthoeven als Bischof in Dorpat (Tartu) einzusetzen.



Die Stadt entwickelte sich und wurde durch ihre günstige Lage wirtschaftlich immer stärker. Als Hansestadt wurde sie zu einem wesentlichen Bestandteil der Handelsverbindung zwischen den anderen Hansestädten wie Reval (Tallinn) und der russischen Stadt Nowgorod (Navgard), in der sich schon damals zahlreiche Kaufmannsleute angesiedelt hatten. Die „Hanse“ unterhielt in dieser Zeit bereits insgesamt vier Kontore, wovon sich eines in Nowgorod niedergelassen hatte und die Stellung der russischen Stadt als stärkster Handelsvermittler zwischen dem Westen und Russland unterstützte.
Die erfolgreiche und stetig wachsende Stadt Dorpat baute eine Mauer mit Wehrtürmen um die Stadt, um sich erneuten Eroberungsversuchen besser widersetzen zu können. Im Livländischen Krieg (1558 – 1583) gelang es den Russen jedoch, die Befestigungsmauer zu überwinden und Dorpat einzunehmen. Allerdings blieben sie nicht dauerhaft erfolgreich und verloren im Jahr 1582 die Stadt, denn die Streitkräfte des im Krieg vereinten Polen – Litauen und Schweden drängten die Truppen von Iwan IV. erfolgreich zurück. Der vereinbarter Waffenstillstand von Jam Zapolski, einem Dorf in der Nähe von Nowgorod, zwischen Russland, Polen – Litauen und Schweden beendete den Krieg im Baltikum.
Vereinbart wurde eine Waffenruhe von zehn Jahren unter der Voraussetzung, das Zar Iwan IV. auf Livland und die Stadt Polazk verzichtete und dafür die eroberten russischen Gebiete zurück erhielt.
Estland wurde letztlich im Friedensvertrag von Pljussa im Jahr1583 unter schwedische Herrschaft gestellt und die Stadt Dorpat erneut aufgebaut. Viele Jahre später gründete der Schwedische König Gustav II. Adolf im Jahr 1632 die Universität „Academia Gustaviana“ in Dorpat und legte damit den Grundstein für die Entwicklung zum intellektuellen Zentrum des Landes. Als 1699 ein erneuter Krieg drohte, verlegte man die Universität nach Pärnu und es sollte viele Jahre dauern, bis der Lehrbetrieb in Dorpat wieder aufgenommen werden konnte. Die russischen Truppen fielen erneut über die Stadt her und übernahmen 1721 endgültig die Macht. Sie verboten den ursprünglichen Namen der Stadt und nannten sie wieder Jurjew. Dieser Name konnte sich jedoch in der estnischen Bevölkerung auch nach vielen Jahren nicht durchsetzen.
Im Jahr 1775 zerstörte ein riesiges Feuer die immer noch zahlreichen Holzhäuser in der Stadt. Der Wiederaufbau Tartus im klassizistischen Stil hatte bereits unter der russischen Besatzung begonnen. Aus Sicherheitsgründen wurden die neuen Häuser aus Stein errichtet und Tartu wurde zu einer Festungsstadt. Aus dieser Zeit stammen auch das Rathaus und die Steinbrücke, die erste aus Stein errichtete Brücke im gesamten Baltikum. Unter der russischen Besatzung entwickelte sich Tartu zu einem bedeutenden Wissenschaftszentrum, denn es entstand eine bestens ausgerüstete Sternwarte, das Universitätskrankenhaus als medizinisches Zentrum und eine Bibliothek.
Die Universität von Tartu ( Dorpat, Jurjew) wurde im Jahr 1802 als einzige deutschsprachige Universität in ganz Russland von Zar Alexander I. wieder eröffnet, um mehr kulturelles Verständnis zwischen der estnischen und der russischen Bevölkerung zu erzeugen. Die jungen estnischen Studenten schlossen sich jedoch verstärkt zu Studentenverbindungen zusammen und entwickelten mehr und mehr ein nationales Empfinden für „ihr Land“. So sind übrigens auch die Nationalfarben entstanden, denn ursprünglich gehörten die Farben Blau – Schwarz – Weiss der Studentenverbindung „Verein Studierender Esten“ an der Universität Tartu.
1869 fanden sich erstmals mit Genehmigung der russischen Behörden aus St. Petersburg über 800 Sänger – es waren nur männliche Chöre zugelassen – und über 15.000 Zuhörer auf dem Sängerplatz in Tartu zusammen, um gemeinsam zu singen. Offiziell war das Sängerfest dem 50. Jahrestag der Befreiung der Bevölkerung Livlands von der Leibeigenschaft durch den russischen Zaren gewidmet. Die Genehmigung wurde – wenn auch erst nach mehrmaliger Anfrage – erteilt und sorgte für die Entwicklung einer Tradition, die bis heute als „Sängerfest“ in Estland eine grosse Bedeutung hat. Die Begeisterung und Anteilnahme der Menschen in Estland an dieser Veranstaltung wurde auch nicht durch die geringe Zahl an estnischen Liedern geschmälert – es waren genau zwei – das restliche Liedgut entstammte deutschen und finnischen Stücken. Aber schon 1891, zum IV. Sängerfest in Tartu, war der Anteil an estnischen Kompositionen auf 13 von insgesamt 28 Liedern angestiegen und sollte sich von Fest zu Fest steigern. Die Menge an Teilnehmern wuchs stetig und das „Sängerfest“ etablierte sich zu einer festen Kulturveranstaltung in Tartu, die jedoch nach der fünften Veranstaltung in die Hauptstadt Tallinn verlegt wurde und dort bis heute alle fünf Jahre stattfindet.
Nach der russischen Revolution (1886 – 1889) ersetzte Russisch die deutsche Sprache an den Schulen und wurde zur Amtssprache in Estland. Nach der ersten Unabhängigkeitserklärung Estlands am 24.2.1918 erhielt die Stadt Dorpat offiziell ihren Namen „Tartu“ zurück und Estnisch wurde wieder Lehrsprache an der Universität von Tartu.
Immer wieder kam es in den folgenden Jahren zu kriegerischen Auseinandersetzungen und erneuter Fremdherrschaft in Estland durch Russland oder Deutschland, bis Estland 1944 endgültig ins russische Reich eingegliedert wurde. Russland hatte schon in den vergangenen Jahren seiner Besatzungszeit die strategische und wirtschaftliche Bedeutung der hart umkämpften Stadt Tartu erkannt und die industrielle und akademische Entwicklung stark voran getrieben.Versuche, die estnische Bevölkerung weiter unter russischen Einfluss zu halten gipfelten in dem Verbot, die estnische Nationalhymne zu singen oder die Nationalfahne zu verwenden. Da verwundert es nicht, das der Widerstand gegen die allgegenwärtige Fremdbestimmung und Unterdrückung wuchs und der Wunsch nach einer eigenen nationalen Identität immer stärker wurde. Das führte wohl letztlich 1988 zur „Singenden Revolution“, wo mehrere Hunderttausend Menschen sich in Tallinn auf dem Sängerplatz trafen und gemeinsam für ihre Unabhängigkeit traditionelle Volkslieder und die verbotene estnische Nationalhymne sangen. 1989 demonstrierten 2 Millionen Menschen für die erneute Unabhängigkeit der Baltischen Staaten und bildeten eine menschliche Kette von Tallinn über Riga nach Vilnius. Diese friedlichen Aufstände der im Wunsch nach einer unabhängigen Nation geeinten baltischen Bevölkerung führten 1991 zur politischen Freiheit und Unabhängigkeit in Estland. Auch die Stadt Tartu profitierte von der politischen Veränderung und konnte sich der Aussenwelt wieder öffnen.
Heute ist Tartu eine Universitätsstadt, die sich mit ihren zahlreichen Lehr – und Forschungsanstalten nicht nur national grosse Anerkennung erworben hat. Zahlreiche Auslandsstudenten nutzen die Möglichkeit, um z. B. über das Erasmusprogramm ein oder mehrere Auslandssemester an einer der angesehenen Hochschulen in Tartu zu absolvieren und auch bei Gastdozenten und Wissenschaftlern haben sich die hervorragenden Arbeitsbedingungen in Tartu herumgesprochen.
Seit 2001 hat sich das estnische Bildungsministerium in der Stadt Tartu etabliert.