Kirchen und Klöster

Die sakralen Bauwerke in Tallinn spiegeln auf anschauliche Weise die geschichtliche Entwicklung Estlands wieder, denn russisch-orthodoxe, lutherische und auch katholische Gotteshäuser sind Zeugnisse der Besatzungsmächte des Landes. Architektonisch sehenswert sind sie alle.



St. Nikolai Kirche (Niguliste kirik)
Lossi plats 10
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die am Fuss des Dombergs liegende St. Nikolai Kirche (Niguliste kirik) aus dem 13. Jahrhundert, die dem heiligen „Nikolaus von Myra“, dem Schutzpatron der Seefahrer und Kaufleute, geweiht ist. Als Wehrkirche gebaut wurde sie erst nach Fertigstellung der Stadtmauer zur Gemeindekirche. Als sogenannte „Kaufmannskirche“ diente ihr Dachstuhl als Warenlager. Zur Basilika wurde sie im 15. Jahrhundert umgebaut und überstand als einzige Kirche den „Bildersturm“ der Reformationszeit im 16. Jahrhundert, in dem zahlreiche Bilder, Skulpturen und Kirchenschätze konfisziert, teilweise vernichtet oder in Privatbesitz gegeben wurden. Im zweiten Weltkrieg zerstörte ein Angriff grosse Teile der Kirche, die in den Jahren zwischen 1953 und 1984 wieder aufgebaut wurde. Im Niguliste-Museum (Niguliste muuseum), als Teil des estnischen Kunstmuseums, werden dort heute die wichtigsten Kirchenschätze Tallinns der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Unter anderem wurden Altäre aus Brügge und Brüssel von der Bruderschaft der Schwarzhäupter der Katharinen Kirche zur Verfügung gestellt und sind im Museum und Konzertsaal der Nikolai Kirche nahezu unversehrt ausgestellt Da die Kirche über eine besondere Akustik verfügt, finden häufig Konzerte in ihr statt.

Heiligengeist Kirche (Pühavaimu kirik)
Pühavaimu 2
Der kleinsten Kirche Tallinns – die Heiligengeist Kirche ( Pühavaimu kirik) – kam in der Stadtgeschichte eine wesentliche Bedeutung zu, denn der Stadtrat hielt hier vor seinen Ratssitzungen die Heilige Messe ab. Sie wurde im 14. Jahrhundert gebaut und mit gotischen Schnitzereien verziert. Im Jahr 1525 übersetzte der damalige Pastor Johann Koell den Katechismus in die estnische Sprache, 1531 wurde in dieser Kirche die erste Predigt in estnischer Sprache gelesen.

St. Olav Kirche (Oleviste kirik)
Lai 50
Weiter nördlich gelegen befindet sich die St. Olav Kirche ( Oleviste kirik), die nach König Olav II. Haraldson aus Norwegen benannt wurde, der als Beschützer der Seefahrer geehrt wurde. Der 159 m hohe Turm der St. Olav Kirche machte dieses sakrale Bauwerk in den Jahren zwischen 1549 und 1625 zum höchsten Gebäude der Welt. Der Grund für diese aussergewöhnliche Höhe des Turmes lag in dem Gedanken, ein gut erkennbares Signal für die Seefahrt zu schaffen, damit die Hansestadt Tallinn schon von Weitem auf See gesichtet wurde. Allerdings war diese Höhe nicht unproblematisch, denn häufig schlugen Blitze in den Turm ein und die Kirche brannte mehrmals komplett nieder. 1820 wurde die Kirche mit einem etwas niedrigeren Turm (123,7 m) wieder aufgebaut, der heute für die Öffentlichkeit begehbar ist und einen besonderen Blick auf die Stadt Tallinn ermöglicht.

Schwedische St. Michaelis Kirche (Rootsi Mihkli kogudus)
Rüütli 9
In der Altstadt Tallinns liegt das Gotteshaus der estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, deren Gemeindemitglieder hauptsächlich aus estländischen Schweden und ihren Nachkommen bestehen. Es war ein langer Weg für die Schwedische Glaubensgemeinschaft, bis sie ihre Kirche wieder in Besitz nehmen konnten. Im Jahr 1532, nachdem die Reformation Reval (Tallinn) erreicht hatte und der Pfarrer des St. Michaeliskloster verstorben war, kam Hermannus Grönau, ein Schüler Luthers, als Prediger in dieses Kloster und versammelte eine vornehmlich schwedische Gemeinde um sich. Nach dem Einfall der Russen in Reval (Tallinn) im Jahr 1710 wurde das Kloster von ihnen beschlagnahmt und die schwedischen Gemeindemitglieder verloren ihren Gebetsort. Erst sieben Jahre später zog die schwedische Gemeinschaft in das frühere Johannishospital, das am Michaelistag 1733 zur neuen Michaeliskirche geweiht wurde. Lange Zeit kämpfte die Gemeinde ums Überleben, da viele der Mitglieder in deutsche und estnische Gemeinden zogen. 1897 bekam die Gemeinde neue Mitglieder und die Beziehungen zu Schweden verbesserten sich Anfang des 19. Jahrhundert, so das sowohl materielle als auch spirituelle Unterstützung aus Schweden kam.
Im März 1944 zerstörten russische Bomben die Kirche und es blieben nur 200 Gemeindemitglieder übrig, die das Gemeindeleben nicht fortsetzen konnten. Im Jahr 1988 wurde die Gesellschaft für Estlandschwedische Kultur („Samfundet för estlandssvenske Kultur“ SESK) in Hapsal gegründet.
Am 11.März 1990 stellte die Gemeinde einen Antrag auf Neuetablierung der St. Michaelisgemeinde und die Behörden genehmigten den Antrag. In den Jahren der russischen Besatzung wurde die Kirche von einem russischen Sportverein mit Namen „Kalev“ genutzt. König Carl Gustav XVI. und Königin Silvia besuchten am 22.April 1992 die Michaeliskirche. Diese Ehrung nahmen die Gemeindemitglieder zum Anlass, erneut einen Antrag auf Zuteilung der Kirchengebäude zu stellen, dem letztlich entsprochen wurde unter der Voraussetzung, das der Sportverein einen gemässigten Auszug vornehmen konnte. Im Juli 1993 verliess das letzte Mitglied des Sportvereins die Kirche. Am 15. November 1992 fand anlässlich des Erntedankfestes der erste Gottesdienst in der Michaeliskirche statt, die jedoch seit der Übernahme der Russen nicht mehr in Stand gesetzt worden war und deshalb baulich einen sehr schlechtem Zustand aufwies. Die Witterung des folgenden Winters war sehr streng, die Heizung der Kirche kaputt und man versuchte, mit einer Stromheizung die Räume zu wärmen, was einen Kabelbrand und weitere Schäden verursachte. Bitten um Hilfe bei den Reparaturkosten wurden erst im Jahr 2002 erhört. Nach Abschluss der Arbeiten erhielt die Michaeliskirche eine neue Weihe.

Tallinner Dom (Toom kirik)
Toom Kooli 6
Auf dem fast 50 m hohen Domberg (Toompea) liegt die Bischofskirche des Erzbischofs der estnischen Evangelisch – Lutherischen Kirche, der Tallinner Dom (Toom kirik), eines der ältesten sakralen Gebäude Estlands. Im Jahr 1229 wurde die ursprünglich aus Holz gebaute Kirche von dänischen Dominikaner-Mönchen durch einen Steinbau im Stil der Tallinner Kalksteingotik ersetzt, der 1240 fertiggestellt und der Jungfrau Maria gewidmet wurde. 1684 zerstörte ein riesiges Feuer auf dem Domberg die zu einer dreischiffigen Basilika im gotischen Stil ausgebaute Kirche. Christian Ackermann, ein estnischer Bildhauer und Kunstschnitzer, prägte den neuen barocken Stil mit seinen Arbeiten an der mit Aposteln geschmückten Kanzel und dem Hochaltar in der nahezu originalgetreu wiederaufgebauten Kirche, die im Jahr 1779 durch den Anbau des Westturms ergänzt wurde. Die Kirchenwände zeigen Wappendarstellungen der deutschbaltischen Adelsgeschlechter und zahlreiche, künstlerisch interessant gestaltete Grabplatten und Sarkophage erinnern an bekannte Persönlichkeiten. Heute betreut die Domkirche eine lutherische Gemeinde.


Alexander Newski Kathedrale (Aleksander Nevski katedraal)

Lossi plats 10
Überquert man den Schlossplatz (Lossi plats) steht man vor der monumentalen Alexander Newski Kathedrale (Aleksander Nevski katedraal), die in den Jahren zwischen 1894 und 1900 in der russischen Herrscherzeit erbaut wurde. Sie ist nach Alexander Jaroslawitsch Newski, einem russischen Fürsten, der als Nationalheld und Heiliger der orthodoxen Kirche noch heute sehr verehrt wird, benannt. Im zweiten Weltkrieg schlossen die Deutschen die Kathedrale und erst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts begann eine sorgfältige Restaurierung. Aufwendige Mosaikarbeiten zieren das Hauptportal und der Sockel des Gebäudes besteht aus Granit. Elf in St. Petersburg gegossene Glocken gehören zu dieser Kirche. Fünf typisch russische Zwiebeltürme mit vergoldeten Kreuzen auf der Spitze machen die Kathedrale von Weitem sichtbar.
In der Kirche sieht man die für orthodoxe Gotteshäuser bezeichnenden Ikonen und Ikonenwände, auch Ikonostase genannt. Diese mit Ikonen geschmückten Wände haben drei Türen und stehen zwischen dem inneren Kirchenschiff und dem Altarraum. Die drei Türen der Ikonostase teilen sich in die Königliche Tür in der Mitte, die aus zwei Türflügeln besteht. Während der Eucharistie (Abendmahl ) wird sie geöffnet und gibt den Blick auf den Altar frei. Sie ist mit den vier Evangelisten bemalt. Auf den beiden seitlichen Türen werden die Erzengel oder die Schutzheiligen der Kirche dargestellt. Sowohl über als auch neben den Türen finden sich zahlreiche Ikonen von Propheten aus dem alten Testament.
In orthodoxen Gotteshäusern stehen die Gläubigen in der Regel während des Gebetes, nur am Rand sind für Ältere und Kranke einige Stühle aufgestellt.

Dominikaner Kloster (Dominiiklaste Klooster) „St. Katharinen“

Vene 16
Nach den Kreuzrittern erhielten die Dominikaner im Jahr 1246 als erster Orden die Erlaubnis ein Kloster in Tallinn zu errichten. Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Klosterkomplex vollendet und war mit seinem mächtigsten Gebäude – der Katharinenkirche – das grösste Kirchengebäude Nordeuropas im Mittelalter. Das Kloster wurde nach der Reformation geschlossen und für andere Zwecke genutzt. Teile des ursprünglichen Baus sind bis heute gut erhalten, allerdings wurde das frühere Refektorium und der nördliche Kreuzgang im Jahr 1844 durch die katholische Peter und Pauls-Kirche ersetzt.

Ruinen des St. Brigitten Klosters
Kloostri tee 9
Das im 14. Jahrhundert durch die Schwedin Birgitta Birgersdotter gegründete St. Birgitten Kloster steht in einem Vorort von Tallinn – in Pirita – am gleichnamigen Fluss. Der Birgittenorden war ein Doppelorden, in dem Nonnen und Mönche, Hilfspriester und Laienbrüder getrennt voneinander lebten. 1577 wurde im Livländischen Krieg das imposante Kloster massiv beschädigt und es blieben nur das Kirchenschiff und die Stirnseiten sowie einige Grabsteine erhalten. Bei Grabungen wurden die Fundamente des Kreuzganges und Teile der Wirtschafts- und Wohngebäude freigelegt.
Das Kloster wird heutzutage für kulturelle Veranstaltungen genutzt.