Kulinarische Traditionen

Die estnische Küche lebt auch heute noch – wie in früheren Zeiten der beschwerlichen Landarbeit- von den „Früchten“ der Erde. Die Kartoffel ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Zubereitung der traditionellen Gerichte, die in der Regel rustikal und nicht gerade leicht sind. Gemüsesuppen sind recht beliebt und werden mit Speck oder Würstchen angereichert. Dazu isst man in Estland das wirklich leckere Roggen – oder Vollkornbrot und trinkt Milch. Die leichte Variante einer Suppe stellt die kalte Kefirsuppe mit gekochten Kartoffeln und Gurkenscheiben dar. Kohl oder Sauerkraut als Beilage zu deftigem Schweinebraten oder der gern verzehrten Schweinsblutwurst (veri vorst) findet man auf fast jeder Karte der Restaurants oder Kneipen, die gute Hausmannskost anbieten. Die Verarbeitung von Schweinsblut zu schmackhaften, aber manchmal auch gewöhnungsbedürftigen estnischen Spezialitäten wie Blutbrot (veri leib) oder Blutbällchen (veri käkk), die in Mehl und Ei gewälzt in Schweineschmalz ausgebacken werden, stammt noch aus der Zeit, als die Bauern selber geschlachtet haben und nach Möglichkeit alles von den Tieren verwerten wollten.



Auch Blinis, kleine Buchweizen – oder Gerstenpfannkuchen, werden mit gerösteter Blutwurst und Preisselbeermarmelade oder mit saurer Sahne gegessen. Fleisch gab es früher nur zu besonderen Anlässen oder vermehrt im Winter, wenn im Herbst die Jagd erfolgreich war. Das erlegte Wild wurde geräuchert, gepökelt oder zu Würsten verarbeitet, um im Winter als Fleischvorrat zu dienen. Durch die Nähe zum Meer spielt auch Fisch eine grosse Rolle. Er wird meistens gesalzen oder geräuchert (suitsukala) angeboten. In Estland isst man bevorzugt Lachs, Forellen, Dorsch und kleine Heringsfische, die als Tallinner Sprotten weit über die Grenzen Estlands hinaus bekannt sind. Je nach Jahreszeit variierte der Speiseplan in estnischen Haushalten in Abhängigkeit zur Ernte. Im Frühjahr stehen wilder Lachs und frisches Frühlingsgemüse für die Suppe oder als Gemüsebeilage auf dem Tisch. Der Sommer bringt viel Gemüse, Salat und Kräuter als Ergänzung zum Grillabend, der in Estland gerne am Wochenende veranstaltet wird. Das Sammeln von Beeren, Pilzen und Nüssen in den heimischen Wäldern ist fast eine Art Volkssport in der estnischen Bevölkerung und ergänzt den saisonalen Speiseplan. Der Herbst ist die Zeit der Jagd und der Schaffung von Vorräten für den Winter. In der kalten Winterzeit leben die Menschen von gehaltvollen Eintöpfen, Sauerkraut, Braten und den im Herbst hergestellten Würsten.

„Kama“, bestehend aus verschiedenen Getreidemehlsorten, das in Kefir, Yoghurt oder Fruchtsäfte gerührt wird, ist sehr nahrhaft und wird das ganze Jahr über entweder zum Frühstück oder als Dessert gegessen. Auch in Butter geröstetes Schwarzbrot, das abwechselnd mit geschlagener Sahne und eingekochten Beeren in einem Glas geschichtet serviert wird, ist eine erstaunlich leckere Süssigkeit nach dem Essen.
Wer es lieber schokoladig mag, ist in Estland gut aufgehoben, denn das Angebot an feinstem Schokoladenkonfekt, sahnigen Torten und Kleingebäck ist enorm. Bereits im Jahr 1806 entstand die erste Schokoladenfabrik mit direkt angrenzendem Verkaufsgeschäft in der Altstadt von Tallinn durch den aus der Schweiz stammenden Konditor Lorenz Caviezel. 1864 übernahm Georg Johann Stude, ein Deutsch-Balte aus Narva die Fabrik, kaufte das angrenzende Haus dazu und eröffnete das Cafe Maiasmokk, das bis heute seine handgemachten Köstlichkeiten aus Schokolade und Marzipan anbietet. 1921 gründeten die Brüder Karl und Kolla Wellner die Firma „Kawe“ und verkauften ihre Süssigkeiten mit grossem Erfolg ebenfalls in der Tallinner Altstadt. Die Schokolade von „Kawe“ war sehr gefragt und ziemlich schnell entwickelte sich die Firma zum grössten Schokoladenproduzenten in Estland, der seine Spezialitäten bis nach Asien und in die USA exportierte. Unter der russischen Besatzung fand 1940 eine Verstaatlichung aller Privatunternehmen statt und so wurde aus allen Schokoladenfabriken eine gemeinsame Firma mit dem Namen „Kalev“, benannt nach dem mythologischen König Estlands. Auch nach der erneuten Unabhängigkeit Estlands blieb der Name des grössten Süsswarenproduzenten in Estland bestehen, die Firma ist jedoch wieder in Privatbesitz und erfreut die Menschen bis heute weit über die Grenzen Estlands hinaus mit ihren beliebten schokoladigen Verführungen und sonstigen Süsswaren..
Zum Essen sollte der Mensch trinken und diese Regel befolgen die Menschen in Estland gern.

Das estnische Bier gilt eigentlich als Nationalgetränk, obwohl es im Vergleich zu westlichen Biersorten als sehr leicht gilt. Die Sorten Sakku und A le Coq sind auch bei den Gästen Estlands gerne getrunken, wobei man sagen muss, das in zahlreichen Kneipen und Pubs die Auswahl an ausländischen Biersorten beeindruckt und fast keine Wünsche offen lässt. Aus der russischen Besatzungszeit ist die Vorliebe für starken Vodka (Viru Valge) geblieben, den es in verschiedenen Geschmacksvariationen wie z. B. mit Vanillearoma gibt. Er wird aber auch gerne mit Apfelsaft gemischt getrunken. Der sirupartige Likör Vana Tallinn ist süss, enthält Zitronenöl, Zimt und Vanille und ist ziemlich stark. Er wird traditionell gern im Kaffee oder in Milch getrunken, über Eis geschüttet oder für leckere Cocktails verwendet. Der „Metsa Maasika“, ein nach Erdbeer (eine der beliebtesten Beerensorte in Estland) schmeckender Likör, wird wie der Kiiu Torn (hochprozentiger Eierlikör) ebenfalls für Desserts oder Cocktails benutzt. Als nichtalkoholisches Erfrischungsgetränk sollte man ein Glas Eesti Kali probieren. Sieht aus wie Cola, ist aber keine, sondern ein dunkles, aus fermentiertem Brot hergestelltes Getränk, das irgendwie „anders“ schmeckt.

Zum guten Schluss sollte man als Gast in diesem Land wissen – die Esten sind ganz besonders gastfreundlich. Sie machen zwar selten den ersten Schritt um in Kontakt zu kommen, aber ist man erstmal ins Gespräch gekommen und erhält eine Einladung zu einem Essen im privaten Kreis, kann man sich auf ein wirklich fröhliches Beisammensein freuen. Als Gast sollte man einen hübschen Blumenstrauss für die Dame des Hauses nicht vergessen und beim Kauf darauf achten, keine gerade Anzahl an Blumen auszusuchen, denn das ist in Estland nur als letzten Gruß für einen Verstorbenen üblich, freudige Ereignisse werden immer mit einer ungeraden Zahl an Blumen gefeiert.